Isoliert in der Mitte des Nordatlantiks und an den Polarkreis angrenzend, bewacht Island das meteorologische Tiefdruckgebiet des Nordens. Die Insel ist für ihre einzigartige Ornithologie und Mitternachtssonne bekannt. Von Philippe Jaeger.

Nachdem wir Islands Hauptstadt Reykjavik verlassen, tauchen wir sofort ein in die Natur dieses Landes – Lavafelder, der Schwefelgeruch und jede Menge Vögel. Es war schon spät am Nachmittag, als uns das Wetter, das man in dieser Region vor Ausflügen genau im Auge behalten sollte, daran hinderte, unsere Reise an die Südküste und die Westmännerinseln anzutreten. Nach einer Stunde Fahrt bezogen wir unser Zimmer in der Fishing Lodge am Ufer des Ranga, eine für begeisterte Avifaunisten sehr empfehlenswerte Unterkunft.

Später fanden wir heraus, dass wir von der Türschwelle unseres Quartiers einen umwerfenden Blick auf Hekla, einen etwa dreißig Kilometer entfernten Vulkan, hatten. Gleichzeitig bestaunten wir ein unaufhörliches Luftballet von Graugänsen, Singschwänen, Uferschnepfen und Bekassinen. Eine der Himmelsziegen setzte sich auf den Rand des Whirlpools um uns zweibeinige, umsprudelte Besucher zu begutachten. Die Botschaft war klar: Auf dieser Insel werden Menschen von Vögeln toleriert – nicht andersherum.

Am nächsten Morgen brachen wir in der Dämmerung auf, um abermals die Fähre zu beziehen, welche die Südküste mit den Westmännerinseln verbindet. Nach einer halbstündigen Durchquerung des spiegelglatten Meeres gelangten wir in den Hafen von Heimaey, einem Dorf auf der größten Insel der Westmänner Archipele. Hier verwüstete 1973 der Eldfell Vulkan alles in seiner Reichweite und machte die Stadt zum „Pompeji des Nordens“. Der Hauptkrater birgt nach wie vor Fumarole und lauwarmes Gestein, und doch bilden seine von Lupinen bedeckten Felsvorsprünge ein Paradies für Vögel, darunter dutzende Rotschenkel.

Diese ungestümen Kreaturen zögerten nicht sich auf Touristen zu stürzen, die abseits der Wege unterwegs waren. Wir waren allerdings gekommen, um uns einen ersten Island – Eindruck vom Wasser aus zu verschaffen. Dazu gingen wir an Bord eines Schiffes von Viking Tours, unter dem Kommando von Kapitän Sigurmundur Einarsson.

Die Inseltour dauerte 90 Minuten. Während einer Etappe war sogar genug Zeit ein paar der 10 Millionen Papageitaucher zu beobachten, welche die Klippen der Insel bevölkern. Erfreulicherweise entdeckten wir des Weiteren unzählige Gryllteiste, Trottelummen, Tordalke, Eissturmvögel, Dreizehenmöven, Basstölpel, Kormorane und Eiderenten. Die Eiderente ist wirtschaftlich gesehen die heilige Kuh der Insel, da die Bauern von ihr wertvolle Daune gewinnen. Dem Riesenalk wurde dieser Schutz leider nicht zuteil, sodass der letzte Vertreter seiner Art 1844 in Island getötet wurde. Der Höhepunkt dieses Spektakels war, als unser Kapitän den Schiffsrumpf in die Gewölbe der Klettshellur Höhle navigierte und den Motor ausmachte. Hier nutzte er die fantastische Akustik und spielte auf seinem Saxophon. Wie bezaubernd!

Den Mutigen und den Nachtaktiven unter uns bot Sigurmundur eine Nachttour zwischen 23 und 1 Uhr morgens an. Zu dieser unchristlichen Zeit bekamen wir dann Wale, vor allem aber auch Wellenläufer, Sturmschwalben und Antlantiksturmtaucher zu Gesicht.

Den dritten Tag unserer Reise verbrachten wir damit, zur nordwestlichen Halbinsel, dem Land der Fjorde, zu reisen. 60 Kilometer nördlich von Reykjavik hielten wir am Ufer des Borgarfjördur, wo wir einen Seeadler beobachteten, der auf einer kleinen Insel, direkt über rauschenden blauen Wellen, nistete. Wir hatten noch fast 300 Kilometer vor uns und wollten unser Ziel unbedingt erreichen, denn heute Nacht würden wir am westlichsten Punkt Europas übernachten. Nachdem wir ungefähr 100 km Route 1 gefolgt waren, die sich als Ring um die ganze Insel zieht, bogen wir nach links, auf die Route 60 ab.

Hier ließen wir die „moderne Welt“ hinter uns und tauchten ein, in ein Universum in dem die Natur regiert. Asphalt wich Schotter und Schlaglöchern, und unsere Geschwindigkeit schmolz dahin wie Neuschnee in der Mittagssonne. Unsere Ferngläser hingen griffbereit von unseren Hälsen. Wir erreichten den Gipfel des ersten Passes, der noch die letzten Schneefetzen zeigte, dann einen zweiten, und dritten, bis wir aufhörten sie zu zählen, um uns besser auf die Straße vor uns konzentrieren zu können. Insbesondere auf die Schafe, die hier blind die Straße queren ohne auch nur im Geringsten auf Fahrzeuge zu achten, da diese hier sowieso nur selten zu erwarten sind. Der Weg wand sich entlang der von Fjorden gesäumten Halbinsel, die wie ein Schiffsbug in den Nordatlantik ragt. Die Landschaft, die kurvige Straße und der Himmel veränderten sich ständig.

Es war 21 Uhr als wir den Hnjotur Hof erreichten, wo wir Kristinn, die Besitzerin des Grundstückes, trafen. Wir staunten nicht schlecht, dass selbst zu dieser späten Stunde die Sonne noch hoch am Himmel stand. Wir waren jetzt nur noch wenige Kilometer von den Latrabjarg Klippen entfernt, die als einer der besten Plätze zur Vogelbeobachtung gelten. Mit einer Länge von 14 Kilometern und einer durchschnittlichen Höhe von über 400 Metern, sind sie Lebensraum von Millionen von Seevögeln, zum größten Teil jedoch Papageitauchern. Mehrere Dutzend dieser Exemplare wackelten lässig über den gräsernen Saum des Leuchtturmparkplatzes und genossen die abendlichen Strahlen der Mitternachtssonne.

Um ein Uhr nachts entschlossen wir uns dazu, uns ein bisschen zu erholen und brachen auf, um in unsere rustikale Unterkunft zurückzukehren. Nach einer kurzen Nacht verspeisten wir zum Frühstück ein Ei…ein Lummenei! Schon seit langer Zeit sammeln die Bauern der Region Latrabjarg die Eier der Seevögel, was einige von ihnen das Leben kostete. Diese Tradition gefährdet das Überleben der Kolonie in keiner Weise und setzt sich selbst trotz unseres täglichen Verzehrs von „leichter zu bekommenden“ Proteinen, fort. Bevor wir unsere Reise in Richtung der Nordküste der Insel fortsetzten, verbrachten wir den Morgen in einer Bucht in der Nähe von Raudisandur, was „Roter Sand“ bedeutet. Der Name der Gegend macht seinem Erscheinungsbild alle Ehre. Wir erreichten die Küste bei Ebbe, was uns die Ockertöne des Sandes bestaunen ließ, der die Küste bettet und sich stellenweise zu mächtigen Bänken aufhäuft. Noch dazu hatten wir das Glück, dass sich gerade heute eine ganze Robbenkolonie auf den Sandbänken niedergelegt hatte. Wie überall auf der Insel war auch hier die Vogelwelt üppig vertreten. Zum Beispiel gab es hier Odinshühnchen, Bekassinen und Küstenschwalben, die das Moor am Rande der Bucht besiedelten.

Es war das stimmungsvolle Lied eines Austernfischers, das unsere Aufmerksamkeit auf ein französisches Café lenkte, das vom ehemaligen isländischen Botschafter in Paris aus einem alten Bauernhof errichtet wurde. Diese Einkehr hatte eine Terrasse mit umwerfendem Blick über das vor uns liegende Panorama. Ein fantastischer Schokokuchen passte hervorragend zu unserem nicht weniger köstlichen Kaffe. Nach der allseits willkommenen Rast ging es weiter nach Norden, wo wir an einer Kette Schneehühner vorbei kamen, deren tarnend weißes Federkleid nur teilweise durchgefiedert war.

Nach einer weiteren langen Etappe auf Asphalt erreichten wir endlich den besten Platz der Insel um Vögel zu beobachten. Den See Myvatn. Im englischen Sprachraum wird er passenderweise als „Lake of Flies“ bezeichnet. Dies ist die Geburtsstätte von legendären ornithologischen Sagen, die in Kennerkreisen so berühmt sind wie Werke von Jules Verne und die Arche Noah. Hier müssen selbst die gestresstesten unter uns (zu denen wir auf Grund unseres Programmes auch gehörten), mindestens drei Tage ihre Sachen niederlegen, um nur im Ansatz den ganzen Zauber der Natur auf sich wirken zu lassen. Begleitet von Mar Jonsson, einem jungen Wildfang aus Reykjahild, dessen Familie dort zahllose Ferienhäuser vermietet, erkundeten wir all die Geheimnisse, die der See und die umliegende Gegend bieten. Das Nahrungspotenzial des Sees steht in direktem Zusammenhang mit der unfassbaren Insektenpopulation. Es liegt nahe, dass deshalb hier fast alle isländischen Vogelarten zu finden sind.

Es gibt sogar einige sehr symbolische Arten, deren Vorkommen hier am höchsten in ganz Europa ist. Wir beobachteten 200 Spatelenten die in den Spalten des Lavafeldes nisteten, sowie Ohrentaucher, isländische Möwen, Pfeifenten, Regenbrachvögel, Schneeammern, Schmarotzerraubmöwen, Bergenten, Singschwäne und sogar einen Gerfalken in seinem spektakulären Jagdflug. Außerdem sahen wir Kragenenten, die sich in lärmenden Schwärmen auf dem Laxa Fluss versammelt hatten, der aus dem See entspringt.

Es wäre unmöglich Myvatn zu verlassen, ohne das Sigurgeir Museum besucht zu haben. Das Gebäude bekam seinen Namen von einem jungen und passionierten isländischen Ornithologen und Eiersammler. Er kam 1999 im Alter von 37 Jahren auf dem See ums Leben. In dem Museum kann man sich über 300 eingebürgerte Vogelarten Islands, sowie eine Vielzahl von Eiern anschauen.

Am vorletzten Tag unseres Abenteuers fuhren wir von Myvatn nochmal 80 km nach Norden in Richtung Husavik. Abseits der Straße bildeten alte Vulkane, deren schneebedeckte Gipfel wie Rücken von Killerwalen aussahen, das spektakuläre Landschaftsbild. Dies war sicherlich eine passende Kulisse für unsere Reise, denn auf dem Programm stand für heute Walbeobachtung. Husavik ist schon sehr lange für seine Bedeutung in der Waljagdkultur bekannt. Heutzutage machen die Kutter ihr Einkommen damit, die Wale den Touristen auf möglichst kurze Entfernung zu präsentieren.

Außerdem fahren die Boote mittlerweile die in der Bucht verstreut liegenden Inselchen an, die hunderttausende Papageitaucher beherbergen. Beim Anblick eines alten, hölzernen Segelboots erwarteten wir das Schlimmste… und täuschten uns gewaltig! Angeboten von North Sailing bietet dieses Transportmittel den Vorteil der absolut geräuschlosen Fortbewegung. Diese Ruhe bietet eine angenehm-natürliche Atmosphäre und unbemerktes Vorankommen. Während unserer Fahrt glitten wir Seite an Seite mit einem Blauwal (mit 30 Metern Länge und 190 Tonnen Gewicht das größte Säugetier der Welt) und zwei Buckelwalen.

Nach vier Stunden auf dem Wasser hatten wir endlich wieder festen Boden unter den Füßen. Wir brachen nach Westen auf, wo wir erst in Blonduous unseren Benzintank wieder bis zum Rand auffüllten. Weiter ging es nach Süden, wo wir die Insel durchquerend die Wüste im Landesinneren erkundeten (Allradantrieb ist unbedingt notwendig!). Eine unglaubliche Landschaft inmitten einer unglaublichen Insel. Hätten wir weniger erwarten können?
Übersetzung: Savanna Koebisch

Kontakte
Unterkunft, Führung und Autoverleih: Lax-à agency www.lax-a.net
Schiffreise, Westmännerinseln: www.vikingtours.is
Vulkan Museum, Westmännerinseln: www.eldheimar.is
Vogel Museum in Myvatn: www.fuglasafn.is
Walbeobachtung: www.northsailing.is
Flüge: www.icelandair.com

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