Seit gut vier Jahren gibt es den Klassiker Geovid in der vierten Generation auf dem Markt. Wir testeten exklusiv die beiden Spitzenmodelle aus Wetzlar in den Bergen, in Afrika und in heimischen Gefilden, bei Vogelbeobachtungen aller Art, von dem Balzverhalten der Amseln vorm Küchenfenster, über die Brutpflege der Störche vom Foto-Tarnnetz aus bis hin zur Jagdtaktik des afrikanischen Habichtsadlers in Nigeria.

1992 schuf Leica einen Absatzmarkt für ein neues jagdliches Produkt: Das Fernglas mit integriertem Entfernungsmesser. Seitdem hat sich viel getan, auch bei den Mitbewerbern. Vom „großen schwarzen Kasten“ hin zu schlanken und leistungsstarken Geräten. Nun legt die Traditionsfirma aus Wetzlar nach und brachte im Januar 2013 ihre Premiummodelle Geovid 8 x 42 und 10 x 42 HD-R (Typ 402 und 403) mit integriertem Entfernungs- und sonstigen Messeinrichtungen auf den Markt.

Zunächst die fast schon klassische Frage nach der Stärke der Vergrößerung: Beide Geräte sind von der Größe und dem Gewicht praktisch identisch, das 8er hat z. B. die Abmessungen 125 x 178 x 70 mm und wiegt inklusive Batterie 975 g. Sie liegen damit satt in der Hand, müssen nicht mit spitzen Fingern bedient werden und sind dennoch so leicht, dass auch auf beschwerlichen Wegen ein Mitführen nicht weiter stört.

Ein 8er wird traditionsgemäß von dem Birder geführt, der viel läuft und die Vögel erpirscht. Die althergebrachte Weisheit, dass man bei der Pirsch durch erhöhte Pulsfrequenz, schnellere Atmung, „Zeitnot“ und dadurch eingeschränkter Wahrnehmung das 8er besser nutzen kann – auch weil es ruhiger zu halten ist – gilt auch heute noch. Für das 8 fache spricht ein etwas größeres Sehfeld, es ist in der Dämmerung einen Tick heller und gerade einhändig etwas leichter ruhig zu halten.

Das stärker vergrößernde 10er ist mehr für die Beobachtung auf dem Ansitz, man kann es da verwacklungsfreier halten und in der Regel besteht dort eine Auflagemöglichkeit. Bei dem 10fachen kann gerade auf größere Entfernungen besser sehen „was da ist“, nicht nur „ob da etwas ist“. Es ist das klassische Glas für das Gebirge und für die Bereiche, wo die Vögel eine größere Fluchtdistanz haben. Aber Vorsicht wenn man es im „Nahbereich“ nutzt, es kann dazu führen, dass man einen unserer gefiederten Freunde stärker einschätzt als er ist.

Nachfolgend noch einige Informationen zu technischen Fachbegriffen: Die erste Zahl gibt den Vergrößerungsfaktor an, der u. a. die Lichtstärke und die Länge des Feldstechers bestimmt. Eine achtfache Vergrößerung erzeugt z.B. bei einer Entfernung von 100 m zum Objekt die Illusion, als wäre der Betrachter nur 12,5 m von dem beobachteten Gegenstand entfernt (100 : 8 = 12,5). Die zweite Zahl auf einem Fernglas gibt in Millimeter den Objektivdurchmesser, also den Innendurchmesser der beiden großen, vorderen Linsen an. Je größer dieser ist, desto höher sind die Lichtstärke (Bildhelligkeit), die Dämmerungszahl und die Auflösung und auch das Gewicht. 50mm bilden daher in der Praxis die noch tragbare Obergrenze, 42 gelten als ideal für die allgemeine Feldornithologie.

Die Okulare sind die hinteren, den Augen zugewandten Linsen bzw. Linsensysteme. Diese fungieren als Lupen zur Betrachtung des von den Objektiven erzeugten Zwischenbildes. Binokulare Ferngläser – wie bei unseren beiden Testmodellen – haben zwei davon. Das Gesichtsfeld bzw. Sehfeld lässt sich in Grad (vgl. Fotoobjektive, z. B. von der Leica M) und Metern angeben. Das tatsächliche Gesichtsfeld ist der reale Bildwinkel, gemessen vom Mittelpunkt der Objektivlinse, das scheinbare Gesichtsfeld dagegen ist der subjektiv vom Betrachter wahrgenommene Bildwinkel.

Die Dämmerungszahl ist der Faktor, um den die Sehschärfe des Auges in der Dämmerung und bei hellem Mondschein durch das Fernglas erhöht wird, also eine wichtige Messzahl für das Dämmerungssehen und damit für die Leistung eines „Feldstechers“. Man berechnet sie, indem man den Vergrößerungsfaktor mit dem Objektivdurchmesser multipliziert und aus dem Produkt dann die Quadratwurzel zieht. Wie gut man in der Dämmerung dann „praktisch“ sehen kann, hängt in erster Linie von der Vergütung der Linsen, als auch vom Objektivdurchmesser ab.

Gläser mit hoher Dämmerungszahl sind daher relativ groß, schwer und teuer, aber für nachtaktive Exkursionen – wie z. B. zur Eulenbeobachtung in Vollmondnächten – unerlässlich. Leica bietet hier noch das Spezialmodell 8 x 56 an, welches ich in einem gesonderten Artikel hier noch vorstellen möchte.
Im Gegensatz zu dem Vorgängermodell das ein Dachkanten-Glas war, hat das neue Leica eine offene Brückenform und geschwungene Fernglastuben. Das Glas ist sicherer zu halten, es ruht ruhiger auf dem Daumengrundgelenk und sieht auch einfach moderner aus. Alle Technik ist komplett im Gehäuse integriert, es stehen keine Höcker oder sonstige Teile ab. Neben der Entfernung lassen sich mit augensicheren Laser des Geovids auch der Winkel, die Temperatur, pp. messen.

In dem langen Testzeitraum fand das Glas bei vielen Outdooreinsätzen in Deutschland, im Orient und in Afrika Verwendung. Es wurde kaum geschont, starken Temperaturunterschieden (minus 30 bis plus 45 Grad) über einen längeren Zeitraum ausgesetzt, inklusive Vibrationen, Stößen im Rucksack sowie Staub und Regen im Schwarzwald. Ergebniss: Es versah klaglos seinen Dienst.

Die schwarze, säurebeständige Vollgummierung des neuen Leica hat zwar nicht das Feeling des „Leder und Stahls“ eines Ultravid Blackline Modells, dafür ist es sehr praxisorientiert und kratzunempfindlich. Obwohl häufig auf der Pirsch getragen und zigfach gegen Leitern, Äste, Türen und Ablagebretter gestoßen, sieht es vom Finish her noch neuwertig aus.

Das Geovid HD-R 42 hat eine wirklich hohe optische Leistung, kontrastreich, farbneutral und scharf von der Bildmitte bis zum Rand hin. Leica verbaut auch hier ihre High Definition Optik (HD) – fluoridhaltige Glassorten – die sie vor wenigen Jahren zum Standard machten. Ob am Tag oder in der Dämmerung, gegen die Sonne, bei flimmerndem Wüstenboden, bei Spiegelung im Schnee, etc., das erzeugte Bild hat wirklich Referenzwerte. Die Lichttransmissionswerte sind 86% bei einem farblich sehr ausgewogenen Bild mit extremen Kontrast. Dies kommt unter schwierigen Lichtbedingungen besonders zum tragen und erlaubt auch hier höchste Detailerkennbarkeit.

An beiden Okularen können im Übergangsbereich zu den Tuben die Dioptrien mit plus/minus 4 ausgeglichen werden. Entweder mit der klassischen Methode oder mittels einer integrierten Hilfsfunktion die zwar im Begleitheft erläutert wird, aber dennoch etwas Übung bedarf. Die herausziehbaren Augenmuscheln sind nun vierfach rastbar und ermöglichen so den individuell benötigten Abstand. Komplett eingedreht können Brillenträger das gesamte Sehfeld nutzen, auch wenn das Bild – und das gilt für jedes Fernglas – nie so „perfekt“ ist, wie bei einem Blick ohne Brille. Da ich auch Brillenträger bin, kann ich dem Birder nur empfehlen, das „Nasenfahrrad“ mit einer Sicherungsschnur zu tragen. So kann man sie schnell „abnehmen“ und so das Glas vollwertig nutzen.

Nun zum Wichtigsten, dem Innenleben: Zunächst wäre da mal der Entfernungsmesser, der für einen Einsatz von 10 bis 1.950 Meter konzipiert ist. Man fokussiert das Ziel an, drückt mit dem rechten Zeigerfinger den hinteren von zwei Knöpfen und drückt nochmal drauf, wenn das dann erschiene kleine rote Quadrat auf dem Ziel ist. Dazu wird ein Laser von dem „dritten Auge“, einem kleinem Objektiv das mittig auf der Vorderachse sitzt ausgesandt und die daraus entstehenden Reflektion wieder durch das Objektiv aufgefangen. Die gemessene Zeit zwischen Aussendung und Empfang wird von einem Mikroprozessor in Meter umgerechnet.

Wir haben das mehrfach überprüft, z. B. auf exakt ausgemessenen Sportbahnen – 100 bis 400 Metern – und bei Förstern die Waldvermessungen – 380 bis 1.450 Meter – mit geeichten Geräten durchführten: Es hat plus/minus einem Meter immer gestimmt.

Messungen sind bei größeren Entfernung wichtig, man glaubt nicht wie schnell sich auch erfahrene Outdoorfreunde verschätzen. Neben der Einzelmessung gibt es auch einen Scan-Modus. Dazu hält man den Knopf gedrückt, das Gerät misst nun andauernd. Bewegte Objekte – wie fliegende Vögel – lassen sich so mit der Entfernung ausmessen. Das ist zwar eine Spezialanwendung, die aber auch ihre Berechtigung hat, z. B. kann man so Rückschlüsse auf die Geschwindigkeit der Tiere in den verschiedenen Flugphasen schließen.

Zusätzlich lassen sich noch der Luftdruck, die Temperatur und der Winkel ausmessen. Eine schöne Spielerei – gerade im Ausland -, dennoch lassen sich mit diese Daten auch wissenschaftliche Hintergründe erforschen, z. B. bei welchen Temperaturen fliegen die Vögel bevorzugt oder wie beeindruckt der Luftdruck das Fressverhalten.

Das LED Display – welches in den rechten Tubus eingeblendet wird – passt sich in der Helligkeit der Umgebung an und zeigt die Ausgabewerte blitzschnell in 0,3 Sekunden an. Leica garantiert 2.000 Messungen mit einer CR 2 Lithiumbatterie, was im normalen Betrieb über Jahre hinweg die Stromversorgung sichert. Bei unserem vierjährigen Test musste die Batterie nicht ausgewechselt werden und hatte bei einer Gegenüberprüfung im Labor noch immer 35% Restenergie.

Die Leica Geovid HD-R Modelle stellen im Marktsegment der Ferngläser mit Entfernungsmesser einen Maßstab auf, der schwer zu schlagen ist. Ein brillantes, scharfes Bild, mit exakten Messungen und die weiteren technischen Unterstützungen, machen sie zu echten Referenzmodellen. Für knappe 2.450,- Euro (50 Euro mehr für die 10er Variante) erhält man einen hohen Gegenwert, an dem man lange und vor allem viel Freude haben wird.

Fotos: Dr. K. Scherer

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